Ansprache des Juryvorsitzenden, Dr. Christoph Buggert, auf der Pressekonferenz zur Auslobung des Günter-Eich- / Axel-Eggebrecht-Preises
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Mit einem Dank an die Medienstiftung der Sparkasse Leipzig und an Herrn Seeger möchte ich beginnen. Ich finde es ungewöhnlich und verdienstvoll, auch das Radio im Blick zu halten, wenn es um die publizistische Spiegelung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks geht. Das Radio ist bis heute das verbreitetste und meistgenutzte Medium. 96 % der Bevölkerung über 14 Jahren schalten einmal am Tag das Radio ein, kein anderes Medium erreicht diese Nutzungsdichte. Trotzdem bleibt die kontinuierliche Radioarbeit in der Presse weitgehend unberücksichtigt. Auch in der Preislandschaft hat man in der Regel die publizistisch wirksameren Sparten im Blick. Dass die Medienstiftung der Sparkasse Leipzig in die Palette ihrer Initiativen ausdrücklich den Hörfunk einbezieht, finde ich überaus bemerkenswert. Von Seiten der Hörfunkleute gebührt Ihnen dafür einen ganz herzlicher Dank!
Ich habe den Juryvorsitz für den neu gestifteten Günter Eich Preis gerne übernommen. Ich meine, dieser Preis könnte ein wichtiges Richtmass in der Hörfunk- und Medienlandschaft werden - und das aus verschiedenen Gründen, die allesamt schon in der Ihnen vorliegenden Präambel und in den Ausschreibungsbedingungen fixiert sind.
Der erste Punkt ist: Es geht um die Auszeichnung eines Lebenswerkes. Wer wie ich lange Zeit in der Innenwelt der elektronischen Medien tätig war, der weiss, dass Radio und Fernsehen äusserst kurzlebige und flüchtige Phänomene sind. Fast könnte man sagen, es handelt sich um geschichtsvergessene Medien. Das tägliche Radioprogramm - die meisten Sender senden von 5.00 Uhr morgens bis Mitternacht auf vier oder fünf Wellen, dazu kommen die gemeinsam gestalteten Nachtprogramme - verursachen einen erheblichen Arbeitsdruck. Da heisst es, salopp gesagt, ex und hopp. Immer steht der nächste Tag, die nächste Woche, der nächste Monat vor der Tür. Sendestunde um Sendestunde muss mit Beiträgen gefüllt werden. Ist die Sendung vorbei, wird sie schnell, manchmal allzu schnell vergessen.
Ich habe einmal ausgerechnet, dass in den Archiven der ARD - allein der ARD, also nicht des gesamten deutschsprachigen Rundfunks inklusive Österreich und Schweiz - ungefähr 85 000 Hörspiele liegen müssen. Sie alle sind selbstverständlich archiviert. Aber die überwiegende Mehrzahl dieser Werke, hinter denen in jedem einzelnen Fall das Engagement einer Vielzahl von Künstlern steht (Autoren, Regisseure, Toningenieure, Schauspieler, Komponisten), ist für immer vergessen.
Ein Hörspiel wird vom produzierenden Sender einmal gesendet und - wenn es sich um eine gelungene Arbeit handelt - im Abstand von anderthalb bis zwei Jahren noch einmal eingeplant. Hat die Produktion in der Hörspielszene einige Aufmerksamkeit erregt, wird sie von anderen Sendern des ARD-Verbunds (oder auch des deutschsprachigen Hörspielverbunds inklusive Schweiz und Österreich) drei- bis viermal übernommen. Dann bereits setzt der Vergessensprozess ein. Es gibt nur wenige Titel - verglichen mit den genannten 85 000 wirklich nur ganz wenige - die in den bleibenden Hörspielkanon eingehen. Auf diese begrenzte Zahl von Titeln greifen die Hörspielredakteure auch später zurück, wenn ein Gedenktag oder ein markantes biographisches Datum ansteht.
Einer, der bis heute den deutschen Hörspielkanon beherrscht, ist Günter Eich. Er ist nicht nur im Gedächtnis der Hörspielredakteure, sondern auch im Gedächtnis des Publikums fest verankert. Immer wenn wir ein Eich-Hörspiel einplanen, ist das Echo ungewöhnlich lebendig.
Grosszügig geschätzt, umfasst der Hörspielkanon circa ein Prozent der Titel, die in den Rundfunkarchiven lagern. Wenn durch den heute vorgestellten Preis einzelne Lebenswerke in den Blick gerückt werden, können sich ganz automatisch sehr interessante und aufschlussreiche historische Schneisen ergeben. Zu einem Lebenswerk gehören in der Regel Jahrzehnte voller produktiver Arbeit. Und das heisst eben auch: Eine Reihe von Titeln, die weit in die vergessene Geschichte des Radios zurückreichen, werden wieder lebendig. Die Idee, ein Lebenswerk auszuzeichnen, fehlt unter den gegenwärtigen Hörfunkpreisen. Es könnte damit ein wichtiger Merkstein gesetzt werden, von dem eine erzieherische Wirkung für das Radio ausgeht. Ein Medium wird veranlasst, sich seiner Geschichte zu erinnern.
Einen weiteren Punkt will ich ansprechen, der mich an dem neu geschaffenen Günter-Eich-Preis gereizt hat. Dieser Punkt wird in der Präambel so umschrieben: Es soll nicht um eine Lebenswerk gehen, das vorrangig und einseitig auf den "innovativen Coup" setzt. Wer sich ein bisschen im Hörspielgeschäft auskennt, der kann sich vorstellen, an was die Organisatoren des Preises dabei gedacht haben.
Das Hörspiel - und speziell das bundesdeutsche Hörspiel - hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten nicht selten in ein Ghetto zurück gezogen. Der technische Kick, die Schaffung eines elektronischen Reizklimas sind gelegentlich zum Selbstzweck geworden. Das Medium selbst hat den Hörspielmachern in dieser Hinsicht allerhand verführerische Instrumente zur Verfügung gestellt. Mit der Einführung der Stereophonie, dann der digitalen Produktionstechniken, mit den nahezu unerschöpflichen Möglichkeiten der elektronischen Klangerzeugung, Klangveränderung und Klangkoppelung wurde eine neue Spezies von Hörspielautoren angelockt, auch viele Komponisten fühlten sich vom Hörspiel angezogen. Der mentalen Reiz, die technische Sensationierung der Hirne ersetzte das Denken. Wenn ich es richtig sehe, versucht der neu geschaffene Preis, in dieser Hinsicht gegenzusteuern. Ich finde das unterstützenswert.
Und ein weiterer Punkt. Überall dort, wo es um die Inhaltlichkeit geht, um das geschriebene Wort, hat das Hörspiel sich während der letzten fünfzehn bis zwanzig Jahre auffällig häufig mit dem Prinzip Adaption begnügt. Texte, die schon auf einem anderen Markt, in der Regel auf dem Buchmarkt, Erfolg hatten, werden akustisch nachproduziert. Ein Leben aus zweiter Hand ist auf diese Weise entstanden. Die enge Zusammenarbeit der Hörspielabteilungen mit den Hörverlagen hat diesen Trend noch gefördert. Hörkassetten, CDs - heute wird am liebsten der Begriff Hörbuch verwendet (schon der Begriff ist verräterisch) - stützen sich am liebsten auf Bewährtes, durch Bestsellerlisten Geadeltes. Das Hörspiel hat sich so nachdrücklich darauf eingelassen, dass es allmählich sein eigenes Profil zu verlieren droht. Wenn die Organisatoren des Günter-Eich-Preises sagen, wir wollen ein Lebenswerk auszeichnen, das sich massgeblich um das Originalhörspiel bemüht hat, dann wird dieser "Adaptionitis" ein Riegel vorgeschoben.
Es geht also um den schreibenden Autor. Ich will den spielerischen Reichtum und die technische Sensationierung, die das zeitgenössische Hörspiel bietet, keinesfalls kleinreden. Aber gewisse Einseitigkeiten, die sich in dieser Hinsicht entwickelt haben, verdienen Gegensteuerung. Ich vermute, die Organisatoren des Günter-Eich-Preises haben in ähnlicher Richtung gedacht.
Wir leben in einer Zeit, die unendlich viele Probleme zu lösen hat. Fragen, denen die Radioliteratur - die ja in einem Informationsmedium verortet ist - nicht ausweichen darf. Der szenische Dialog, die sprachlich geschärfte Reflexion und Argumentation, die Formensprache unserer Zeit wie Collage, Montage oder Sprachspiel sollten der Inhaltlichkeit nicht ausweichen. Wenn ein neu geschaffener Preis auch diese Komponente betont, wird der eine oder andere in der Hörspielszene von einem konservativen Touch sprechen. Ich persönlich sehe eher das Gegenteil. Die Chance, sich via Radio ästhetisch auszudrücken, darf nicht für Einseitigkeiten missbraucht werden. Ich bin gerne bereit, diesen Standpunkt publizistisch mit zu unterstützen.
Einige andere Punkte, die ich an diesem Preis reizvoll finde, will ich nur kurz ansprechen. Es handelt sich nicht um einen deutschen Hörspielpreis, vielmehr ist er offen für das gesamte deutschsprachige Hörspiel, das Hörspielschaffen in Österreich und der Schweiz soll genauso berücksichtigt werden. Im Gegensatz zu den meisten anderen Hörfunkpreisen hält die Medienstiftung der Sparkasse Leipzig nichts von Nationalisierung, auch das ist eine progressive Note.
Dieses Prinzip bildet sich natürlich ab in der Zusammensetzung der Jury. Das deutschsprachige Ausland ist vertreten einmal durch Frau Rotta, die gebürtige Österreicherin ist, aber - wenn ich das richtig sehe - ihre Heimat vor längerer Zeit verlassen hat. Deswegen steht ihr ein weiterer Österreicher zur Seite, nämlich Konrad Zobel, der langjährige und erst vor kurzem in den Ruhestand gegangene Leiter der Abteilung Literatur und Hörspiel am Österreichischen Rundfunk. Als profunder Kenner der internationalen Hörspielszene wird er seine Kenntnis der Schweizer Hörspielgeschichte mit einbringen.
Wichtig war uns, dass auch die jüngere Generation in der Jury vertreten ist. Mit dem Berliner Medienkritiker Frank Kaspar ist diese Farbe bestens abgedeckt. Ausserdem bedarf es in einer Jury, die viele Jahrzehnte Radiogeschichte zu beurteilen hat, eines erfahrenen Medienhistorikers. Der in Hamburg lebende und lehrende Medienwissenschaftler Hans-Jürgen Krug hat vor knapp zwei Jahren eine Geschichte des Hörspiels veröffentlicht - aus den eingangs von mir genannten Gründen ein besonders schwieriges Unterfangen.
Ich freue mich darauf, mit diesem Team zusammen zu arbeiten.
Wichtig war uns - auch das sollte ich kurz ansprechen - ein möglichst unkompliziertes Einreichungsverfahren. Wenn es um ganze Lebenswerke geht, kann es sich sehr schnell um vierzig, fünfzig oder noch mehr Hörspiele handeln. Würden die alle nach Leipzig geschickt, müsste die Jury wochenlang tagen. Voraussetzung war also, dass sich in der Jury ein hinreichendes Mass an Kenntnis der Hörspielgeschichte versammelt. Von den Einreichern wird lediglich eine Biographie, eine Werkliste und eine ausführliche Begründung des Vorschlags erwartet.
Einreichungsberechtigt - und das ist ein letzter Punkt, den ich ansprechen möchte - sind nicht nur die Radiostationen, die sich als Hörspielproduzenten betätigen. Diese organisatorische Einengung, die bei den meisten Medienpreisen praktiziert wird, birgt die Gefahr der Inzucht. Deshalb haben die Stifter des Günter-Eich-Preises das Spektrum erweitert. Auch die Akademien der Künste, der PEN-Club, das Deutsche Literaturinstitut der Universität Leipzig, Autoren- und Journalistenverbände sowie eingetragene literarische und publizistische Gesellschaften können Vorschläge machen. Diese in meinen Augen sehr reizvolle Regelung kann dazu beitragen, dass die Jury mit Aspekten konfrontiert wird, die in der gegenwärtigen Hörspielszene eher unterrepräsentiert sind.
Ich danke Ihnen.


